Roland Müller am 24. November 2025

Hora angelorum

Himmlische Zeiten  - hora angelorum - gezeichnet von Pia Oehrle (9 Jahre)

Hora Angelorum 

Wieder einmal hatte der Weihnachtsmann seine jährliche Weltreise zum Verteilen aller Geschenke beendet. Erschöpft setzte er sich mit seinem Knecht Ruprecht vors Kaminfeuer im Iglu seiner Polarinsel und rieb sich die kalt gewordenen Hände. Knecht Ruprecht spielte mit dem Schürhaken. Er hielt ihn senkrecht vors Feuer und beobachtete den unruhigen Schatten, den sein Spielzeug auf Boden und Wand warf.

„Fast wie eine Sonnenuhr, nur aus Feuer“, sagte der Weihnachtsmann. „Sonnenuhren gibt’s doch nur an Kirchen und Rathäusern oder als flache Scheiben in Parks“, entgegnete Ruprecht. Da zeigte sich hinter dem Vollbart des Weihnachtsmanns ein feines Lächeln: „Wer sich für Sonnenuhren interessiert, wird einer Fülle von unterschiedlichen Formen begegnen, von der Größe eines Fingerrings bis zu solchen, die riesige Plätze füllen.“ „Welches ist denn die schönste Sonnenuhr, die du gesehen hast?“ fragte Ruprecht. „Alle sind schön“, meinte der Weihnachtsmann, „doch die merkwürdigste, die mir begegnet ist, war die auf dem Feld, wo damals die Engel den Hirten die Geburt des Christkinds angekündigt hatten“ – und der Weihnachtsmann erzählte: 

„Ich war damals einer der Hirten und hatte das Ereignis verschlafen. Am Morgen weckte mich ein Engel und sagte ‘Dafür musst du jetzt der Weihnachtsmann sein und jedes Jahr allen Kindern auf der Welt die Schuhe füllen, die sie dir in den Weg stellen. Damit du aber nie mehr die Zeit vergisst, die du dazu brauchst, gebe ich dir eine Uhr mit.‘ Und der Engel reichte mir eine kleine elfenbeinerne Figur, die genau so aussah wie er selbst – ein Engel mit langem, dünnem, schräg aufgestelltem Hals und kleinem kugelrundem Kopf. Hinter dem Rücken der Figur breiteten sich zwei große halbrunde Flügel mit langen, dunklen Adern darin. Dann erklärte mir der Engel, wie ich die Elfenbeinfigur ins Sonnenlicht halten musste, um vom Schattenwurf des Halses auf die Flügel die Zeit abzulesen.“

„Das gibt es doch gar nicht!“ rief Knecht Ruprecht. Da öffnete der Weihnachtsmann sein Hemd und zeigte, was er an einem goldenen Kettchen auf der Brust trug – den elfenbeinernen Engel. Knecht Ruprecht fiel vor Staunen der Schürhaken aus der Hand. Wer das alles kaum glauben kann, sollte versuchen, den Weihnachtsmann bei Sonnenschein zu entdecken und ihn zu beobachten. Es wird nicht lange dauern, bis er seinen Mantel und sein Hemd öffnet, um die Zeit zu messen. Wie auch sonst könnte er die Aufgabe bewältigen, in der allzu kurzen Weihnachtszeit den Kindern auf der ganzen Welt Freude zu machen? 

(Roland Müller – 2025) 

Kommentare

Eine zauberhafte Geschichte, und die bildliche Interpretation ist hervorragend gelungen.  Danke 

Roland ist für seine überbordende Phantasie bekannt, die immer wieder auf's Neue ein Lächeln und Staunen in mein Gesicht zaubert - und sicher nicht nur in meines! Pia hat ebenso zauberhaft dem Engelswesen seine Gestalt verliehen! Ich bin gespannt, was dem Duo noch alles einfallen mag! 

An Sabine und Uschi, mit Dank für ihre Beiträge 

Der Engel, den Pia gemalt hat, erinnert mich an drei Zeilen in japanischer Haiku-Form (5-7-5 Silben), die mir voriges Jahr eingefallen waren: 

Als Gott die Zeit schuf

Gab er ihr Sonnenuhren

Als Festgewänder  

Und mit Blick auf das faszinierende Helios-Spektrum kreativ und präzise verwirklichter "Zeitdeuter" fällt mir der alte Sonnenuhrenspruch ein "Fruere Hora" (Möge die Stunde Frucht bringen). 

Sonnige Grüße an alle!

Roland 

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