Michael Deiwick am 15. August 2017

Obgleich auch in den höchsten und abgelegensten Andendörfern überhaupt kein Mangel an Speisen und Getränken herrscht, die der Tourist überall für geringes Geld erwerben kann, scheinen die meisten Reisenden an der Zwangsneurose einer akuten Dehydrierung zu leiden.

Anders erscheint mir nicht erklärlich, warum gefühlt 98% der Perubesucher Wasserflaschen mit sich herumschleppen und das nicht nur auf der Straße, sondern auch in Kathedralen, Kirchen, Museen und archäologischen Stätten, wobei sie glauben, nur regelmäßige zwanghafte Schlucke aus der Flasche und das Verzehren von fast food und snacks würden sie vor dem Verdursten und Verhungern retten.

So auch in Machu Picchu, in das jeden Morgen nach Ankunft der Züge aus Richtung Cusco in dem unterhalb gelegenen Dorf Aguas Calientes (der Stationsname wurde in Machu Picchu umbenannt) Heerscharen von überwiegend halbnackten Gestalten in Shorts, schulterfreien Shirts und Latschen Ameisenstrassen gleich einfallen.

Dieser Trend hat sich deutlich ersichtlich verstärkt, seitdem neben Perurail auch Incarail, ein low budget Eisenbahnunternehmen nach Machu Picchu fährt. (Der alternativ mögliche Inka-Trail erfordert eine gute Kondition und wegen der Limitierung der Trekker eine Anmeldung Monate vor dem geplanten Termin).

Die peruanische Regierung hat die Gefährdung des von den Inkas auf einem Berg künstlich aufgeschütteten Hochplateaus, auf dem die Anlage mit Gebäuden, Tempeln und Be- wie auch Entwässerungsanlagen errichtet wurde, durch den Massenansturm seit längerem erkannt und versuchte zunächst durch Erhöhung der Eintrittspreise für Machu Picchu, der Buspreise für den Weg von Aguas Calientes nach oben und wieder zurück und Begrenzung der Tagesbesucherzahlen entgegenzuwirken.

Leider bislang vergeblich.

Und so griff sie in diesem Jahr zu einem – wie mir scheint – probaten Mittel, denn die Eintrittskarten gelten jeweils nur für ein Zeitfenster von zweien während der Helligkeit (Frühmorgens bis Mittag, Mittag bis später Nachmittag). Zudem darf der Besucher das Gelände nicht mehr individuell betreten, was bisher zu Müllbergen aus Plastik und einem gewissen Chaos, aber auch Vandalismus durch Graffiti und mutwilligen Zerstörungen führte, sondern nur in Kleingruppen mit einheimischen Führern, wobei die Erklärungen in allen gängigen Sprachen angeboten werden.

(Mir antwortete einmal ein Führer auf meine Frage, ob er Deutsch in der Schule gelernt habe: Das leider nicht, aber er sei im Tourismus ausgebildet und habe Geld verdienen wollen und müssen. Da habe er sich angesehen, aus welchen Ländern die meisten Touristen kämen und sich entschieden, auf eigene Kosten mithilfe einer App, dem Internet und einem Wörterbuch Deutsch zu lernen und gelernt. Ich habe ihm meinen Respekt gezollt, denn sein Deutsch war auf einem hohen Niveau.)

Eine Besuchergruppe lässt sich in Machu Picchu unschwer ausmachen, nämlich Esoteriker (genauer gesagt überwiegend Esoterikerinnen jenseits der 40 und eigenwillig gefärbten Haaren), die schnurstracks vom Eingang zu einem Steinblock namens Intihuatana laufen, sich daneben – natürlich mit den obligaten Wasserflaschen und snacks – lagern und die „kosmischen Schwingungen“ dieses Sonnenobservatoriums oder angeblicher Sonnenuhr auf ihre geistesabwesenden Gesichter und Gehirne einwirken lassen, wobei sie sich mit Faust einig sind „Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen.“

Dies nach dem Motto: Hier und nur hier und genau in diesem Augenblick und keinem anderen bin ich eins mit dem Universum und das Universum mit mir.

Erich von Däniken steht Pate.

Bei der peruanischen Postverwaltung indes war man sich offensichtlich nicht einig, wie dieser Block zu deuten sei:

Sonnenobservatorium Machu Picchu

Auf einer älteren Briefmarke von 1953 wird der Intihuatana als Sonnenobservatorium bezeichnet,

Sonnenuhr Machu Picchu

auf einer Briefmarke von 2002 als Sonnenuhr.

Weiter nach Arequipa. Hier findet sich Perus einzige (barocke) Abbildung einer imaginierten Sonnenuhr im Orangenkreuzgang (claustro naranjos) des Nonnenklosters Santa Catalina.

Sonnenuhr Nonnenkloster Santa Catalina in Arequipa

Auch heute leben dort noch einige Nonnen - für den Besucher unsicht- und unnahbar - in strenger Klausur in einem kleinen Teil der Anlage.

Das Areal dieses ab 1579 errichteten und erstmals 1970 für die Öffentlichkeit zugängigen Klosters umfasst einen ganzen barrio (sehr großes Straßengeviert) und ist wie eine Stadt in der Stadt mit Häusern, Plätzen, Straßen, Gärten, Kirche und Friedhof angelegt, wobei die Straßen die Namen wichtiger spanischer Städte tragen.

Das barrio ist von einer hohen Mauer aus einheimischem Sillar, einem weißen schweren und harten Vulkangestein, umschlossen und hat von außen lediglich zwei Eingänge, nämlich den in die Kirche für die Öffentlichkeit (die Nonnen sitzen und saßen auf der Empore hinter einem Holzgitter) und den anderen in das Kloster, wobei die Besucher in der Vergangenheit nur bis zu einer Mauer im Inneren mit einem Sprechgitter wie in einem Beichtstuhl gelangten, um sich mit den Nonnen zu unterhalten und Geschenke zu überbringen, die sie in eine Öffnung mit einem hölzernen Drehmechanismus legten.

Die Nonnen entstammten den spanischen Adels- und Oberschichtfamilien, die für die Aufnahme in dieses Kloster eine erhebliche „Mitgift“ zu entrichten hatten, damit ihre Töchter auch dort standesgemäß leben konnten.

Und standesgemäß ist wörtlich zu verstehen, denn die Nonnen hatten eigene Wohnungen, teils mit Küchen versehen, europäische Möbel, Porzellan, Silberbestecke, Bettwäsche, Musikinstrumente, Noten, Gemälde, Bibliotheken, nicht zuletzt viele Bedienstete, die sie betreuten, in die Stadt zum Einkaufen gingen, für sie kochten und wuschen.

Wie wir von der Schriftstellerin Flora Tristan, der Großmutter von Paul Gauguin, die sich 1833 für mehrere Monate in Arequipa aufhielt und dort neben Teilen ihrer Familie auch verwandte Nonnen in Santa Catalina besuchte, wissen, waren die Bewohnerinnen nicht nur durch umfangreiche Korrespondenz mit der Außenwelt, sondern auch durch Zeitungen und Zeitschriften genau über die politischen und künstlerischen Zeitläufe vor allem in Europa informiert, an den neuesten Noten interessiert und beherrschten auch Französisch, denn Frankreich war bekanntlich im 19. Jahrhundert das kulturelle Zentrum der Welt.

(Wer gern liest, wird an Flora Tristans „peregrinaciones de una paria“, auch auf Deutsch erschienen als „Meine Reise nach Peru“ und Mario Vargas Llosas sich auf Flora Tristan beziehenden Roman „Das Paradies ist anderswo“ seine Freude haben.)

Aber zurück zum Sonnenuhrbild im Kreuzgang.

Irrtümlich schrieb ich in meinem ersten Sonnenuhrbeitrag Peru über einen einheimischen Künstler als Maler. Natürlich muss es sich um eine Künstlerin handeln, denn Männern war das Betreten des Klosters verboten (Priester für die Krankensalbung und Spendung der Sterbesakramente wohl ausgenommen).

Die Künstlerin indes konnte mangels Sonnenuhren in Peru keine aus eigenem Erleben kennen, sondern nur aus den Beschreibungen ihrer Eltern und Verwandten über das spanische Mutterland, dem Maß aller Dinge für die Spanier in Peru.

So erging es ihr wie Dürer mit seinem Holzschnitt von einem Rhinocerus, über das ihm berichtet wurde, er es aber mit eigenen Augen nicht gesehen hat.

Zur Sonnenuhr Herr Dr. Heller: „Die Vorstellung des Malers von einer Sonnenuhr ist schon interessant. Er hat zweifellos wesentliche Elemente einer Sonnenuhr aufgegriffen. Es ist ein Zifferblatt und ein schräger Schattenwerfer vorhanden, nur ist alles andere leider falsch. Der Polstab passt besser zum Polarkreis als nach Peru und sitzt nicht im Schnittpunkt der Stundenlinien. Das Zifferblatt hat nur 12 statt 24 Stunden und müsste in Peru andersherum laufen. Auch die gleichmäßigen Abstände der Stunden sind nur auf den Polen richtig. Auf den niedrigen Breitengraden divergieren die Stundenlinien sehr stark.“

Sonnenuhr im Nonnenkloster Santa Catalina in Arequipa (Peru)

Gleichwohl werden sich die Nonnen an dieser Wandmalerei und dem darunter angebrachten tröstenden Sinnspruch über das Trocknen der Tränen einer Seele mit seiner ausdrücklichen Erwähnung einer Sonnenuhr (in einem zeitgenössischen Spanisch als relox de sol geschrieben) genauso erfreut haben, wie sich manche heutige Besucher daran erfreuen, wenn sie sich denn die Mühe machen, jede der vielen Wandmalereien in den verschiedenen jeweils andersfarbigen Kreuzgängen einzeln zu betrachten.

Dieses Kloster als Stadt im Zentrum einer Stadt, das mit Fug und Recht zum Weltkulturerbe gehört, ist nicht nur für Südamerika, sondern wohl weltweit einzigartig.

Umso bedauerlicher, dass nicht wenige ignorante gringas und gringos an diesem Kleinod achtlos vorübergehen, aber wegen des freien WLAN gern bei Starbucks einkehren, oder wegen des Eintrittsentgeltes von etwa 11€ von einem Besuch Abstand nehmen, was aber für den kulturell Interessierten den Vorteil hat, dass Santa Catalina nicht überlaufen und eine Vorausbuchung nicht erforderlich ist.

Und nun einige Kilometer weiter zum Haus meiner Frau.

Die bereits früher beschriebenen Sonnenuhren AEQUINOX, VETRO und SCALA dibond haben sich um einer weitere AEQINOX in Sichtweite auf der Dachterrasse oberhalb unserer Sonnenterrasse, eine POLARIS 350mm, eine CHRONOS und last but not least eine MAGELLAN vermehrt.

Ein Psychologe würde das wohl als Überkompensation für die Sonnenarmut in Hamburg bezeichnen.

Aber sei's drum, denn es ist optisch wie auch ästhetisch befriedigend und entspannend, seine „Lieben“, nämlich die Hellerschen Uhren, vor dem Hintergrund einer schneebedeckten Vulkankette im Blick zu haben und wieder und wieder so auszurichten, dass ihre Zeitangaben genau sind.

Polaris, Aequinox, Chronos und Magellan - Helios Sonnenuhren in Peru

Das sind sie nun, bis das nächste Erdbeben alles durcheinander bringt. (Das Haus ist erdbebensicher gebaut, zittert bei Erdstößen trotzdem. Aber der Weg in den Patio und den Garten ist nicht weit).

Und dann beginnt die intellektuelle Anspannung erneut:

Europäische Nordausrichtung bedeutet auf der südlichen Hemisphäre für die AEQUINOX und die CHRONOS Südausrichtung, auch wenn der Nordpol auf der MAGELLAN nach Norden ausgerichtet, aber der Breitengrad auf der rechten Seite der Skala eingestellt wird und wenn es ortsnotwendig ist, als „Vorderseite“ der POLARIS XXL die optisch mangels Landmasse eher traurig anmutende Südseite der Erde mit dem Südpol im Zentrum zu verwenden und in Richtung Süden einzustellen.

Aber es kann sich fast bis zur Überforderung steigern, wenn man darüber nachdenkt und sich erklären muss, warum die Zifferblätter der AEQUINOX und CHRONOS genau andersherum als in Deutschland laufen, obwohl die Sonne in Arequipa doch auch im Osten aufgeht.

Aber dann kommt der (mühsam erlernte, also kein) Geistesblitz, denn in Peru wandert die Sonne von rechts nach links, während sie sich auf der nördlichen Hemisphäre von links nach rechts bewegt.

Eigentlich eher banal, aber doch immer wieder faszinierend.

Für den Sonnenuhrliebhaber, auch wenn er ein Laie ist.

Michael Deiwick

Chronos Sonnenuhr mit Bernhardt Walze in Peru

Das Zifferblatt der CHRONOS Sonnenuhr zählt auf der Südhalbkugel die Stunden von rechts nach links und die Bernhardtsche Walze steht auf dem Kopf.

POLARIS 350: Im Herbst und Winter der südlichen Hemisphäre wandert der Schatten des fast waagrechten Schattenwerfers über die Weltkarte der nördlichen Halbkugel im Uhrzeigersinn.

Magellan Globus-Sonnenuhr in Peru

MAGELLAN Globussonnenuhr: Eine für Europäer ungewöhnliche Betrachtung des Erdglobus: Am 16. südlichen Breitengrad zeigt die Polachse zum südlichen Himmelspol und Arequipa in Peru ist auf dem höchsten Punkt der Weltkugel.

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